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Brief an Miriam
Liebe Miriam,
Komme gerade vom Shoppen zurück. Einer der schönsten Aspekte daran endlich eine feste Stelle zu haben ist
das feste Einkommen. Meine Vaterschaftstests bringen jeden Monat verlässlich die gleiche hübsche Summe
auf mein Konto. Wunderschöner Anblick. Deswegen kann ich jetzt auch ohne schlechtes Gewissen Klamotten
kaufen, wie es mir beliebt. Könnte ich...wenn ich etwas finden würde, wenn ich mich entscheiden würde.
Die Sommermode in diesem Jahr ist eine seltsame Mischung. Ich frage mich wie das zusammenpassen soll.
Es gibt die 50er Jahre, also mädchenhaftes, schickes: Ballonröcke, Blümchenblüschen, Ballerinaschuhe
und als (wie ich finde) krasser Gegensatz dazu die 70er Jahre mit Hippie-Power-Flower-Look, also
bestickte, lange Tunika-Hemden mit massenweise bunten Ketten.
Niemand stört sich an dem Crash der Mentalitäten, der hinter dieser Mode-Groteske steckt. Was hätten
die Hippies gesagt, wenn man sie als brave, zugeknöpfte Fräuleins verkleidet hätte! Wahrscheinlich
hätten sie sich sofort mit einer umfassenden Urschrei-Therapie und einem dreitägigen öffentlichen
Love-In gewehrt.
Diese Sommermode ist Friede, Freude, Eierkuchen gegen Love and Peace, biedere Spießigkeit gegen freie
Liebe, Conny Fröbess gegen Janis Joplin, Heintje (Mamaaaaa!) gegen Jimi Hendrix, der Horizont des
Wirtschaftswunders gegen wilde Utopien, keine Experimente gegen mehr Demokratie wagen, schwarz-weiß
gegen bunt, Rückzug gegen Aufbruch, sich den Realitäten anpassen gegen seine Träume leben, undsoweiter, undsoweiter.
Ich weiß, liebe Miriam, Du würdest jetzt sagen, ich solle mich darüber nicht so aufregen. Schließlich
lebten wir im Zeitalter der Postmoderne, anything goes und so ein kleiner Mode-Stil-Mix sei ja nun
wirklich nichts neues. Das stimmt, aber irgendwie ist die Mode ja auch Ausdruck der jeweiligen
Generation und was sagt es wohl über unsere Generation aus, dass wir ohne mit der Wimper zu zucken,
biedere 50er mit ausgeflippten 70ern kombinieren?
Wir sind theoretisch so frei wie in den 70ern, aber eigentlich wieder so spießig geworden wie in den
50ern. Wir suchen unser kleines privates Glück im großen kapitalistischen Haifischbecken. Mehr wollen –
trauen wir uns nicht. Träume, Utopien, Ausprobieren, Diskutieren, Kämpfen, Mitmachen. Das können wir
uns heute nicht leisten, jeder muss sich um sein eigenes Fortkommen kümmern....wirklich? Ich glaube,
wir könnten ein bißchen mehr aus den 70ern brauchen, als ein paar Tunika-Hemden.
Was meinst Du meine liebe Miriam? Du musst auch gar nichts zu meinen Spinnereien hier sagen. Wie Du
weißt, bin ich hier noch ziemlich einsam und habe viel Zeit mir Gedanken über alles mögliche zu machen.
Wir sehen uns am Wochenende!!
Gruß und Kuss, Katja
6 Kommentare. Letzter Kommentar: Technische Probleme (2005-05-27)Neuer Kommentar
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