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Julia in der Duz-Falle
Julia hat seit drei Wochen einen neuen Job bei einer Unternehmensberatung. Muss sehr edel und schick dort zugehen. Ich habe sie für ein verlängertes Wochenende in Hamburg besucht und sie wollte die ganze Zeit nur shoppen gehen, um ihren Kleiderschrank "systemkonform" zu machen. Ich glaube, sie will nun mit ihrem Outfit wettmachen, worin sie in der verbalen Kommunikation schon versagt hat.
Julia hat sich nämlich am ersten Tag bei der Sekretärin mit "Guten Morgen, ich bin die Julia" vorgestellt. Daraufhin sagte die Frau: "Katharina Wagner mein Name. Herzlich willkommen Frau Zimmermann." Die unterschwellige aber eindeutige Zurückweisung ihres Du-Vorstoß hat meine Freundin traumatisiert.
Die besagte Sekretärin, die für Julias Team zuständig ist, hat meiner Freundin mit diesen dürren Worten die komplexe Welt der Hierarchien mit ihren Anrede-, Umgangs- und Auftrittsformen eröffnet. Julia hat vorher bei einem kleinen Start-up gearbeitet, wo keinem ein Sie über die Lippen gekommen wäre.
Seit ihrer etwas unglücklichen ersten Begegnung hat Julia das Gefühl, die Sekretärin nimmt sie nicht für voll und behandelt die Kollegen aus dem Team bevorzugt. Sensibilisiert für eventuell folgenschwere Anrede-Fehler, sprach Julia von nun an nur noch alle mit Sie an.
Inzwischen hat sie aber festgestellt, dass sich doch die meisten Kollegen aus ihrer Abteilung mit dem Vornamen ansprechen, allerdings trotzdem nicht alle duzen. Das hört sich dann zum Beispiel so an: "Karin, könnten Sie mir bitte die Umsatzentwicklung von der Firma xy rübermailen." Und einmal hatte sie auch schon etwas wie "Du, Herr Gruber, geht unsere Mittagspause klar?" gehört.
Julia sucht nun angestrengt nach einer Duz/Siez-Ordnung, an der sie sich orientieren kann. Nach ihren bisherigen Erkenntnissen, kann man sich nur bedingt nach Kriterien wie Hierarchie und Dauer der Firmenzugehörigkeit richten. Zum Beispiel duzt sich die besagte Sekretärin Katharina Wagner mit dem Chef, weil sie seine Schwägerin ist.
Ihrer Sekretärin will Julia nun mit einem besonders seriösen Outfit nachträglich Respekt einflößen. Während meine Freundin einen dunkelblauen Hosenanzug nach dem nächsten probierte, kramte ich bei den bunten Sommeroberteilen rum. Gott sei Dank muss ich in meinem Vaterschaftstest-Labor nicht auf komplizierte Hierachien Acht geben und anziehen kann ich auch, was ich will.
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