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Tick, tick
Meine jüngste Freundin ist 25, meine älteste 39 – ich bin mittendrin. Derzeit bin ich erstaunt
darüber, wie sich Ansichten zum Thema Liebe und Familiengründung aufgrund des Alters
ändern können. Julia macht ganz auf Halle Berry und hört wie die gleichaltrige Oscar-
Gewinnerin die biologische Uhr immer schneller und lauter ticken (www.gala.de). Wie Halle
Berry mangelt es ihr nicht an Männer-Bekanntschaften und genauso würde als potenzieller
Vater mittlerweile jeder neue Verehrer in Frage kommen. Kinderschar und trautes Heim
müssen her. Endlich. Egal wie. Jetzt. Sofort. Tick, tick.
Für Anita dagegen, die ich vor einigen Monaten im Fitnessstudio kennen gelernt habe, ist die
Liebe ein großes Ideal, in dem es keine faulen Kompromisse gibt, nur um irgendetwas
anderes zu bekommen. Bei einer abendlichen Rotwein-Runde erklärte sie mir, dass man
genau unterscheiden müsse zwischen Liebe und diversen anderen Gefühlen, die man
vielleicht damit verwechseln könnte, wie Dankbarkeit, Gewöhnung, Wertschätzung oder die
simple Suche nach einem Ausweg aus der Einsamkeit. Nur die wahrhaftige Liebe rechtfertige
eine Beziehung und daraus hervorgehende Kinder.
Zwei gegensätzlichere Konzepte von Partnerschaft als die von Julia und Anita kann es kaum
geben. Vor 15 Jahren hatte Julia auch noch ähnliche Vorstellungen wie Anita. Doch heute
will sie daran nicht mehr erinnert werden. Alles Romantik-Quatsch sagt sie, null Bezug zur
Realität. Es würde doch vollkommen reichen, wenn man sich einigermaßen gut verstehen
würde und die gleichen Wünsche in Bezug auf Beziehung und Partnerschaft hätte. Spätestens,
wenn das erste Kind da ist, habe man doch sowieso keine Zeit und Muse mehr für derartiges
Liebes-Getue. Tick, tick.
Ich erzählte meinem Freund Stefan davon. Er meinte, wenn alle so denken würden, wie Anita,
wäre ich auf alle Fälle arbeitslos. Vaterschaftstests bräuchte dann kein Mensch.
Dann kapierte er, dass er mit den beiden Liebes-Geschichten zwei hervorragende
Steilvorlagen für seine eigenen Wünsche hatte. Schau doch mal Cherie, sagte er, du musst dir
dazu überhaupt keine Sorgen machen. Wir leben die wahre Liebe und sind somit auch
moralisch berechtigt, Kinder zu bekommen. Anita könnte nichts dagegen haben und Julia
sowieso nicht. Das sehe ich anders: Dass ich vielleicht noch vor ihr Mutter werde, kann ich
ihr nicht antun. Tick, tick.
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